Post aus dem Knast

Der erste Brief aus der Justizvollzugsanstalt Hildesheim ist angekommen, mit ein paar Gedankenfragmenten von Hanna vom 11. und 12.5. zu Absurditäten und Alltag im Knast.

Niemand hat das Recht zu gehorchen“

„Entbindet das Erhalten eines Gehalts etwa von der Verantwortung für die Taten? Arbeit scheint zu dieser Annahme zu verleiten“ heißt es in Work (crimethinc). Was das konkret bedeutet habe ich heute wieder erleben können. Beim Aufnahmeprozedere im Knast stimmte mir die Bearbeiterin zu, dass ein Großteil des Einsperrens geldverschwendender offenkundiger Unsinn sei. Aber sie täte ja nur ihren Job. Und sie könne ja auch nichts dafür, dass die Frauen hier seien. Mir soll vermittelt werden, an meiner Situation sei einzig und allein ich selber schuld und verantwortlich sei ich dafür alleine. In solch einer Logik ist einzig denkbarer Ansatz für eine Verbesserung der Situation das Individuum. Da passt es dann auch gut rein, wenn dann, wie gestern, christliche Initiativen Kaffee und Kuchen verschenkend davon reden, wir sollten es doch mal mit Beten versuchen.

Der Blick auf die Ursachen geht so verloren, die Verantwortlichen werden zu vermeintlich neutralen Ausführenden vom Himmel gefallener Notwendigkeiten. Kein Wort darüber, wer die Gesetze wann und mit welcher Motivation machte (und in welchem ursprünglichen Kontext und politischen System – hier gibt es eine historische Analyse zum Gesetz zur Störung öffentlicher Betriebe, dem Vorwurf weswegen Hanna verurteilt wurde). Kein Wort über die Motive der Unternehmen, die davon profitieren, dass Polizei und Justiz ihrer Interessen rabiat durchsetzen, seien es die finanziellen Interessen eines Verkehrsunternehmens, was von der Verfolgung der „Schwarzfahrer_innen“ profitiert, die Interessen von Wohlhabenden und Reichen an der Aufrechterhaltung von bestehenden Reichtumsunterschieden oder eben die Interessen der Urenco am möglichst ungestörten Betrieb ihrer Atomfabrik. Kein Wort über das vorurteilsgeprägte, arrogante, gewalttätige und einseitige Vorgehen der Polizei und kein Blick auf die Gerichte. Dabei sind es eben all diese Menschen, die gerade weil sie sich selbst belügen und von der Verantwortung für die Folgen ihrer Taten freisprechen, überhaupt erst in der Lage sind, so zu handeln und selbstverständlich für ihr Tun verantwortlich sind. „Niemand hat das Recht zu gehorchen.“ – wie wahr.

Knastlogik

Von wegen Bücher mit reinnehmen sei nicht möglich. Nur nicht gewünscht – weil es Arbeit bedeutet, weil die Bücher auf geschmuggelte Sachen und Inhalt untersucht werden „müssen“. So bekam ich dann tatsächlich drei Bücher mit: Eines mit Rätseln, ein Kinderbuch über Hexen und einen unpolitischen Roman. „Die Erstürmung des Horizonts“ soll erst noch von der Sozialarbeiterin geprüft werden – mal sehen was dabei raus kommt. Geprüft wwerden musste auch meine Menstruationstasse / mooncup, weil dieser Gegenstand offensichtlich unbekannt war an der Kammer. Auch die zuständige Ärztin hatte so etwas noch nie gesehen (aber immerhin schon mal davon gehört) und war sich dann unsicher, ob es ggf. wegen der Sicherheit oder so nicht auf die Zelle dürfe. Tja, nun also doch Wegwerfprodukt statt ökologischer Alternative. (Immerhin: Tampons und Binden bekomme ich ohne Antrag oder so.) Was ich wohl sicherheitsgefährdendes mit dem Stück Silikon hätte anstellen können? Die Gitterstäbe zersägen? Schlösser knacken?

Aber zurück zu den Büchern. Ich könne mir ja aus dem Bücherregal auf der Station welche auf die Zelle mitnehmen. Nur nicht zu viele wegen der Brandlast: Vor der „Brandlast“ haben die hier ohnehin ganz schön viel Angst. Ich durfte auch nur einen Schreibblock mitnehmen. Und der nächste Einkauf ist erst in zwei Wochen. Tee durfte ich auch nicht mitnehmen und Lakritz ist verboten, Kaffee, Hustenbonbons und Studentenfutter hingegen erlaubt. CDs mit reinnehmen verboten, hier drinnen CDs kaufen wäre (wie auch immer dass dann überhaupt gehen würde) erlaubt. Alles eine kurde Mischung aus Schikane und Überlastung des Personals.

Ach ja, das Recht auf veganes Essen bestünde nicht, ich könne vegetarisches bekommen. Ich habe daraufhin angekündigt, das dann eben nicht zu essen woraufhin die Ärztin tatsächlich für das Küchenpersonal eine Liste mit veganen Lebensmitteln aufschrieb. Mal abwarten, was ich bekomme – bisher Brot, Marmelade, Pflaumenmus, Zucker, Tee, Apfel, Möhre, Gurke und Birne. Und H-Milch und Heringsfilet (gluten-, laktose- und nussfrei ist er, der Hering). Meine „Zimmernachbarin“, also die Eingesperrte in der Zelle neben mir hat sich drüber gefreut.

Teil des Problems

So wertvoll es auch erscheinen mag, dass die Frauen Kuchen bekommen und Malen dürfen, so bleibt doch festzuhalten, dass die parallel dazu gepredigte christliche Logik sich perfekt einpasst in das Konzept Menschen zu brechen. Nicht soziale und gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Zwänge werden betrachtet, sondern das Individuum soll Fehler bei sich suchen. Die Leute sollen sich klein fühlen und ihre „Fehler“ reflektieren. Einer der schlimmen Punkte daran ist auch zu sehen, wie sehr diese überzeugten Christinnen daran glauben, dass richtig ist, was sie tun. Nicht im Entferntesten sensibel dafür, Teil des Problems durch die Reproduktion der gleichen Logik zu sein. Zu sehen, dass sie erfolgreich sind, Leuten einzureden, sie seien klein und hilflos und sollten sich ehrfürchtig und bettelnd an Gott wenden (der würde dann auch antworten man müsse nur doll genug beten) war wirklich bitter.

Hofgang

Weil sie es nicht gerne täte könne und müsse man die sympathischste der Schließerinnen von der Verantwortung für das Leute einsperren freisprechen habe ich von anderen Gefangenen beim Hofgang gelernt.

Briefumschläge und Postkarten

Sie würde die Briefumschläge schreddern. Äh, was? Äh, nein! Na gut, dann nehmen wir die zur Habe. Äh, ja, ich bitte drum. Postkarten darf ich kurz mitnehmen und sofort lesen und muss sie dann vor Einschluss abgeben. Zur-Habe. Was könnte ich wohl gefährliches mit Postkarten tun? Im Zimmer aufhängen? (Die Werbepostkarte der christlichen Antidrogenarbeit ist übrigens erlaubt.) Briefe werden in meiner Anwesenheit geöffnet, grob angeguckt und mir dann ausgehändigt, Briefmarken durfte ich kriegen. Habe nur nach wie vor keine Umschläge. Die mitgebrachten durften nicht rein, nächster Einkauf ist in zwei Wochen und mein Antrag auf Umschläge noch nicht entschieden. Wird er wohl auch nicht vor Monat. Ich werde mir nichts von anderen schnorren, sondern mal rausfinden, wie lange es dauert bis der Knast mich auf dem formal korrekten Weg telefonieren und Briefe schreiben lässt.

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2 Kommentare zu Post aus dem Knast

  1. Lutz Amtenbrink sagt:

    Schon in ihrem Buch „RADIKAL MUTIG – MEINE ANLEITUNG ZUM ANDERSSEIN“
    berichtete Hanna lebhaft von ihren durchgeführten waghalsigen Aktionen, u.a. auch einiges, über ihre, damals noch meist amüsanten, unfreiwilligen Aufenthalte in zeitweiligem Polizeigewahrsam.
    Gut, dass Hanna nun in der verhängten Ersatzfreiheitshaftstrafe weiterhin so überaus bewundernswert mutig und standhaft ist und uns so detailreich von den Unzulänglichkeiten und regelrechten Repressalien ihres Knastalltags berichtet.
    Dadurch können wir uns als freie Menschen ein ungefähres Bild davon machen, welche Erniedrigungen ein Inhaftierter in einem deutschen Gefängnis auszustehen hat und alles menschenmögliche gegen diese erbärmlichen Missstände unternehmen.
    Und 1650 Euro bzw. 110 Tagessätze Ersatzfreiheitsstrafe sind ja wohl ein völlig überzogenes Urteil (und gewiss nicht „Im Namen des Volkes“!)!!!. Weg damit!!!
    Freiheit für Hanna !!!
    Unterzeichnen der Petition und Protest-Schreiben/-Telefonate an JVA/Justizministerium sind gute geeignete Wege.
    Über liebe, ermunternde und solidarische Zeilen wird sich Hanna an ihrer derzeitigen
    unfreiwilligen Postanschrift sicherlich sehr freuen.
    Liebe Hanna, vielleicht ist es Dir noch nicht so richtig klar geworden, aber Du bekamst zu Deiner Geburt (wenn auch wohl ohne christliche Taufe, da Du in einem atheistischen Elternhaus aufwuchst) nicht zufällig einen großartigen Heiligen Namen so wie schon vor über 600 Jahren anno Domini 1412 „Johanna von Orlèans“!
    „Jeanne d’Arc“, die französische Nationalheldin, wird in der römisch-katholischen Kirche als Jungfrau, Märtyrerin und Heilige verehrt.
    Sie blieb ein Jahr lang im Kerker und bis zu ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen am 30. Mai 1431 aufrecht und standhaft. 24 Jahre später strengte die Kurie einen Revisionsprozess an, in dem das Urteil aufgehoben und Jeanne zur Märtyrin erklärt wurde. Im Jahr 1909 wurde sie von Papst Pius X. selig- und 1920 von Papst Benedikt XV. heiliggesprochen. Ihr Gedenktag ist der 30. Mai. An diesem Tag gedenkt man ihrer auch in der Church of England. (Wikipedia)
    Liebe Hanna, auch durch Deinen einzigartigen Mut bist Du ist durchaus mit Johanna von Orlèans vergleichbar, (aber so wie sie enden wirst Du ganz gewiss nicht!)
    Die, Euch in der Haft seelsorgerisch betreuenden, Frauen der Katholischen Gemeinde der Basilika Sankt Godehard mit der Hausnummer 3 gleich neben der JVA werden Dich mit anderen Augen sehen. Nimm ihre liebevollen Worte und segensreichen Gebete wohlwollend auf, sie werden Dir Kraft geben und ärgere Dich nicht über ihre unterwürfigen Aussagen. Sie haben zwar vor 500 Jahren den Protestantismus verpasst, die Nächstenliebe ist aber auch ihr höchstes Gebot und sie meinen es sehr gut mit allen Menschen. Und es gibt unter den Katholiken, wie überall, auf jeden Fall auch einige sehr streitbare Zeitgenossen.
    Vielleicht könnt Ihr mal unter ihrer Begleitung zum Innehalten an den Feiertagen einen Gruppenausgang in die sehenswerte romanische Basilika machen?
    Als sehr aufbauende Lektüre in diesen schweren Tagen empfehle ich Dir die sehr guten Taschenbücher vom Mitinitiator der Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“, DDR-Bürgerrechtler und überaus hellsichtigen Theologen Friedrich Schorlemmer
    „Woran du dein Herz hängst“ und „Wohl dem, der Heimat hat“,(Amazon ab 1,90€). Ich hab sie weitergegeben. Aber die Katholische Gemeinde wird Dir die Bücher sicher gern beschaffen. Sie selbst werden die behandelten Themen auch sehr interessieren, denn sie sind heute aktueller denn je.
    Das Buch von Edda Ahrberg über unsere unvergessene Erika Drees wirst Du sicher schon gelesen haben. Für ihren friedlichen Protest gegen das KKW-Stendal und die Bundeswehr in der Colbitz-Letzlinger Heide saß die Mitbegründerin des „Neuen Forums“ auch mehrfach in Haft.
    Liebe Hanna, halte durch, verzage nicht und bleibe standhaft + froh im Herzen, so wie wir Dich kennen!
    Sehr viele Gleichgesinnte stehen zu Dir und geben Dir Kraft + Mut + Seelenbeistand und kämpfen für Dich!
    Liebe Hanna, alles was Du getan hast, war zu Recht und in unserem aller Sinne, wofür wir Dir von ganzem Herzen danken!
    „Am Ende wird alles gut, und wenn nicht alles gut ist, so ist es noch nicht das Ende!“
    Es grüßt Dich herzlichst aus der Altmark
    Lutz Amtenbrink
    Sankt Nikolaus DOM zu Stendal
    Schutzpatron der Kauf- und Seeleute, der Kinder und Jugendlichen sowie der Gefangenen

  2. Problemkenner sagt:

    Ich möchte nicht darüber urteilen, ob es gerechtfertigt ist, für solche Taten eine Haftstrafe zu bekommen. Obwohl, Haftstrafe. Es war ja eine Geldstrafe, welche nicht beglichen wurde und sich somit zu einer Haftstrafe umgewandelt hat, wenn ich es richtig verstanden habe.
    Und ich möchte nicht über bestehende Gesetze urteilen und hinterfragen, ob diese Sinn machen oder nicht. Im Zusammenleben einer Gesellschaft sind Regeln nötig, keine Frage. Auch wenn man diese Regeln manchmal nicht nachvollziehen kann oder ein anderes Denken darüber hat. Hier geht es um die Allgemeinheit, Gesellschaft halt, und nicht um den Einzelnen.
    Wie gesagt, darüber kann und möchte ich nicht urteilen, dafür sind andere zuständig und ich habe auch nicht das nötige Hintergrundwissen.

    Was ich allerdings beurteilen kann, ist ein Haftaufenthalt. Ich war knapp zweieinhalb Jahre in eben dieser JVA. Zum ersten und einzigen Mal.
    Ich musste ein wenig grinsen, als ich die Beschreibungen des Knastalltages gelesen habe. Es waren ähnliche Gedanken und Erlebnisse, die ich am Anfang hatte.
    Auch ich bekam keine Briefumschläge und musste warten, bis ich von meinen Angehörigen Geld eingezahlt bekam, für das ich mir beim zweiwöchentlichen Einkauf solche Dinge besorgen konnte. Ich war in U-Haft und durfte anfangs nicht arbeiten, womit ich mir ein wenig Geld verdienen konnte. Das hat ewig gedauert.
    Auch ich durfte warten, bis mein Telio-Konto eingerichtet war, um mit meinen Angehörigen telefonieren zu können. Auch dafür braucht man Geld. Und es dauert ewig.
    Ich stand da, wusste nicht wirklich was plötzlich mit mir passiert war und hatte absolut nichts. Außer die Sachen, die ich am Körper hatte. Meine privaten Sachen waren noch nicht mal zur Kontrolle in der Kammer. Ich musste warten, bis meine Angehörigen mir Sachen brachten, die dann kontrolliert werden konnten. Ewig.
    Aber immerhin hatte ich solche Angehörige, dafür war ich irgendwann dankbar, als mir das bewusst wurde. Viele Frauen hatten niemanden draussen, der sich kümmert und ich habe gesehen, dass es eben nicht selbstverständlich ist, nicht vergessen zu werden.
    Auch ich stand vor dem Problem, das System „Mikrokosmos Knast“ verstehen zu können. Vieles erschien mir so unsinnig. Treffend bezeichnet die Situation mit dem verbotenen Pfeffer und den Postkarten das, die maximal zur Habe in die Kammer durften. Es war am Anfang ebenso schwer für mich, all diese Regeln zu verstehen und anzunehmen. Essen, Schlafenszeit, Wäschewaschen, Einkauf usw. Für all das gab es feste Zeiten, das eigene Denken und selbstbestimmte Handeln war dort nicht erwünscht und meiner Meinung nach wurde es viel zu oft schon im Keim erstickt oder gar sanktioniert.
    Etwas später habe ich verstanden. Es sind zum größten Teil BTMerinnen, die dort einsitzen. So erklärt sich auch das Problem mit den Postkarten und Briefumschlägen, die man nicht ausgehändigt bekommt. Viele Menschen sind erfindungsreich, wenn es darum geht, Drogen zu schmuggeln. So ist es, laut Aussage eines Bedienstenten, durchaus öfter vorgekommen, dass Postkarten mit Drogen getränkt oder unter Briefmarken kleinste Mengen versteckt wurden.
    Mit dem Pfeffer sieht es so aus, dass dort eben auch Straftäterinnen einsitzen, die wenig Probleme damit haben, den Bediensteten Pfeffer oder andere Substanzen in die Augen zu werfen. Immerhin sind noch Wasserkocher auf den Hafträumen erlaubt. Was mit kochendem Wasser anzustellen ist, mag ich mir gar nicht vorstellen. Offenbar ist so etwas noch nicht vorgekommen, sonst gäbe es diese nicht mehr.
    So kann man die Liste verbotener Gegenstände beliebig erweitern und die Gründe für die Verbote erklären.

    Als Oberstes lernt man dort Geduld. Man braucht für alles Anträge, die erst bearbeitet werden müssen. Was mitunter schon mal drei oder vier Tage dauern kann. Man ist nicht allein in dieser Haftanstalt, auch andere möchten Anträge bearbeitet haben.
    Fernseher und andere technische Geräte werden von Fachbetrieben erst aufgeschraubt und kontrolliert, sofern man denn Angehörige hat, die diese Dinge bringen. Oder man hat genug Geld, um sich in einem ausgewählten Fachbetrieb so etwas kaufen zu können. Das dauert dann eine gefühlte Ewigkeit. Dafür müsste man allerdings entweder genug Geld mitbringen, von Angehörigen eingezahlt bekommen oder sich seine Wünsche vom Arbeitslohn abgespart haben. Fast unmöglich. Denn man bekommt von der Anstalt das Nötigste. Alles andere muss man sich kaufen. Und dann bleibt nicht mehr viel vom Lohn übrig, das man ansparen könnte.
    CDs und andere beschreibbare Datenträger kann man sich bestellen und zuschicken lassen. Dann sind diese noch verschweisst und es ist nicht irgendetwas von Privatpersonen manipuliert oder darauf gespeichert worden.
    Bücher kann man sich entweder ebenfalls über den Handel bestellen oder in der Anstaltsbücherei ausleihen. Wo ist da das Problem? Die sind ausreichend sortiert da. Die Bedienstete in der Kammer wird sicher nicht zig Bücher von 60 Frauen kontrollieren können. Das dauert viel zu lange und jeder würde meckern, weil nichts anderes bearbeitet werden kann und alles sehr viel länger dauern würde als so schon.
    Irgendetwas mit Mitinhaftierten austauschen oder von ihnen ausleihen ist ebenfalls nicht erlaubt. Geschäfte unter Gefangenen halt. Dieses Verbot hat seinen Sinn. Und wird auch ordentlich sanktioniert. Was ebenfalls Sinn macht. Wird jeder begreifen, der das Wort Mobbing verstanden hat.
    Was das Kontrollieren von Post angeht: Mal ernsthaft. Das ist ein Knast. Natürlich wird dort stichprobenartig die Post kontrolliert. Niemand liest Briefe regelmäßig. Aber wenn dort gemalte Details vom Inneren der JVA gefunden werden, ist es nur logisch, dass es diese nicht bis draussen schaffen. So unsinnig es vielleicht für jemanden klingen mag, der mit keiner Silbe daran denkt, so sind solche Details auch für Flucht- oder Befreiungsversuche geeignet.

    Was Einschluß, Einkaufssperren und sonstige Sanktionen der Inhaftierten angeht: Das kommt vor. Ist aber nicht die Regel und bedarf wiederholtem Fehlverhalten oder groben Taten.
    Was an der Regel ist, sind Haftraumkontrollen. Was logischerweise seinen Sinn hat.

    Ja, man hat das Recht auf Kontakt zu seinem Verteidiger. Diesen wird einem auch niemand verwehren. Leider braucht man in der Regel dafür entweder ein Telefon oder Papier, Briefumschläge und -marken. Die man halt nicht hat, wenn man sich beim Haftantritt keine mitgebracht oder beim Einkauf welche zugelegt hat. Auch hier zeigt sich schön, wie man Geduld lernt. Und man weiss für das nächste Haftabenteuer besser, was man einpacken sollte.
    Wenn man vom Bürotelefon aus kurz irgendwo anrufen darf, ist das sehr freundlich, aber ganz sicher nicht die Regel. Sonst würden alle 60 Frauen dort Schlange stehen und unglaublich wichtige Dinge zu klären haben.

    Die Frauen, die religiöse Veranstaltungen dort möglich machen, sind in der Tat nette Menschen. Denn sie wissen sehr genau, dass kaum jemand zu ihren Veranstaltungen kommt, weil er Gott oder sonstwas finden möchte. Bis auf sehr wenige Ausnahmen gehen die Frauen dort hin, weil es Kaffee und Kekse gibt und weil man in dem Moment keinen Einschluss hat. Und die Kirchenmenschen machen so etwas trotzdem weiterhin möglich. Seit Jahren. Eben weil sie das wissen. Denn es kommt so oder so den Inhaftierten zugute.

    Es macht auch Sinn, dort Broschüren auszulegen, die zeigen, wie ein BTMer seine Spritzen mehrfach verwenden kann und, dass er seine Nadel nicht mit anderen Inhaftierten benutzen sollte. Dieser Mensch ist süchtig und so wird versucht, die Gefahr einer Ansteckung von gefährlichen Krankheiten zu vermindern. Dieser Mensch kann leider nicht einfach zum Sani gehen und nach einer neuen Nadel fragen. Auch in einer JVA ist Drogenkonsum eine Straftat.

    Das ist eine Justizvollzugsanstalt und kein Ferienlager.

    Anfangs fühlte ich mich noch persönlich angegriffen. Ich kam mir vor wie ein Kind mit Hausarrest. Ja, vielleicht machen das manche Menschen. Aber ich doch nicht. Warum werde ich so beurteilt? Warum unterstellt man mir solche Gedankengänge? Aber irgendwann begriff ich, dass ich nur ein kleines Licht dort bin. Ich war nur ein kleines Teilchen. Und habe mich irgendwann damit abgefunden, dass es nicht um mich geht. Diese Regeln gelten für jeden dort, geht auch gar nicht anders, wenn man ein Maximum an Sicherheit für jeden dort möchte, ob Inhaftierter oder Bediensteter. Es wird kein Unterschied gemacht, Privilegien muss man sich erarbeiten. Habe ich getan. Nicht für andere, nicht für Bedienstete, nicht für die Anstaltsleitung. Für mich. Auch wenn ich manches Mal damit angeeckt bin meinen Willen durchzusetzen. Ich habe gesehen, was ich erreichen kann. Alles, was dort nur möglich war. Und noch mehr. Das waren teilweise wirkliche Privilegien, die ich im Laufe der Zeit erhielt.
    Entlassen wurde ich mit drei blauen Müllsäcken Klamotten, Fernseher und Anlage, vielen Erinnerungen und Erkenntnissen und vor allem mit Stolz. Stolz auf das, was ich erreicht hatte. Auch wenn das alles nicht mehr viel zählt, wenn man diese Anstalt verlässt. Dann bleibt dort nichts von seinen Leistungen und Erkenntnissen. Gut so. Denn man nimmt sie mit. Und man kann immer wieder im Leben darauf zurückgreifen.

    Was ich nach diesen zweieinhalb Jahren dort sagen kann ist, dass jedes Verbot, jede Regel und jede Sanktion seinen Grund hat und auch Sinn macht, wenn man tiefer darüber nachdenkt.
    Dort arbeiten Menschen. Niemand möchte sich während seiner Arbeitszeit vermeidbaren Gefahren aussetzen. Also lernt man und mindert diese im Laufe der Zeit. Was nur eine logische Folge ist.
    Sicher gibt es Unterschiede im Charakter der dort arbeitenden Menschen und man lernt mit der Zeit, an wen man sich mit welchem Problem am Besten wenden kann. Trotzdem sind das dort vermehrt keine „Schließer“ oder „Schlüssel“ (obwohl solch eine Bezeichnung bei einer verschwindenden Minderheit genau trifft), sondern Menschen, die ihren Job machen und nicht ausschliesslich dafür da sind, Türen auf- und zuzuschliessen.
    Auch sitzen dort vermehrt Menschen ihre Strafen ab, die oft eben diese Struktur und Leitung brauchen. Menschen, die am unteren Ende der Gesellschaft angekommen sind, die niemand vermissen würde, die sich teilweise aufgegeben und Leben verlernt haben. Eben für diese Menschen sind diese Regeln sinnig und wichtig. Und das ist der größte Teil der Inhaftierten. Wenn man dann dort landet und selbst kein Teil dieses Gesellschafts-Endes ist und auch noch nie Berühungspunkte damit hatte, muss man irgendwie lernen, dieses System zu leben. Ja, es ist oft schwer zu verstehen. Und ja, es ist verdammt schwer, die Kontrolle über das eigene Leben, Denken und Handeln in fremde Hände geben zu müssen. Das war für mich nie wirklich eine Option. Doch es wird nicht viel Rücksicht auf Einzelpersonen genommen, das ist auch gar nicht umsetzbar. Man ist letztlich auf sich allein gestellt. All das hat aber nichts mit Brechen des Willens oder der Inhaftierten zu tun. Es sind Regeln, die wichtig sind. Im Umgang mit Straftätern, mit Opfern, mit Gewalt, Wut und auch Trauer, Aufgabe, Ohmacht und Hilflosigkeit.
    Zu empfehlen ist es, sich mit dem Herrn Wessels mal intensiv darüber zu unterhalten. Ein Mann mit guten Gedankengängen der verstanden hat.

    Was die Resozialisierung betrifft: Ja, ich habe dort Frauen gesehen, die am Entlassungstag mit gepackten Koffern in der Kammer standen und nicht wussten, in welche Richtung sie der Strasse folgen sollten, weil sie kein Zuhause hatten und nicht wussten, wohin sie gehen konnten.
    Ja, es wurden Inhaftierte aus der JVA geworfen, die nicht gehen wollten, weil sie sich hinter den Gittern und Mauern sicher fühlten.
    Da zweifelt man sicher erst einmal an dem großen Wort „Resozialisierung“. Aber letztlich liegt es einfach nur an jedem selbst, was er daraus macht. Genug Zeit gibt es, um sich Gedanken über seine Zukunft zu machen und diese im Vorfeld auch zu planen. Hilfestellung gibt es. Wer nur Liegevollzug macht, sich das Hirn wegballert und keine Perspektiven mehr sieht oder Hilfestellungen verweigert, steht halt am Ende dort und weiß nicht, wohin er soll. Und genau das bedeutet doch eigentlich Resozialisierung. Eigenverantwortlichkeit lernen. Fähig, in der Gesellschaft straffrei leben zu können. Sich an Regeln halten. Wissen, wohin man möchte und welchen Weg man wählen mag. Man muss schon seinen Hintern hochbekommen, wenn man nicht möchte, dass jemand anders über einen bestimmt.
    Und es liegt an jedem selbst, ob er sich für die Haftzeit den Regeln unterordnet, oder ob er sich verweigert, auflehnt und einen sinnlosen Kampf aufnimmt. Denn die Regeln werden sich nicht ändern, ob man es unsinnig findet und dagegen ankämpft oder es hinnmimmt und im besten Fall versucht zu verstehen. Auflehnung und Kampf bedeutet eigentlich nur, dass man sich selbst das Leben schwer macht. Ändern wird es absolut nichts. Außer, dass die Bediensteten eventuell irgendwann anfangen genervt zu reagieren. Hat man auch nichts mit gewonnen. Im Gegenteil.

    Dort ist Platz für ca. 60 Frauen. 60 Lebensgeschichten. Die JVA Hildesheim ist eher für Kurzstrafen gedacht. Demnach wechseln die „Bewohner“ meist nach ein paar Wochen. Immer wieder neue Geschichten. Und doch oft so gleich. Für Einige ist die Haft die letzte Chance. Für Einige sogar die letzte Chance um zu überleben. Nicht nur ein Mal habe ich gehört, dass diese Frauen sonst sicher nicht mehr leben würden, weil die Drogen sie sonst kaputtgemacht hätten. Diese Frauen nehmen sich dann die „Auszeit Knast“ und wenn diese beendet ist, geht alles von vorn los. Immer und immer wieder.
    Zu empfehlen ist, sich genau mit diesen Frauen zu beschäftigen. Ihnen genau zuzuhören und bis ins Tiefste zu begreifen. Dann kann man auch den Mikrokosmos Knast mit all seinen Regeln wirklich verstehen.

    Diese Zeit dort möchte ich nicht wieder hergeben. Obwohl ich nicht das getan hatte, wofür ich dort gelandet bin. Obwohl es schwer war zu verstehen, dass Gerechtigkeit nicht immer siegt und Recht eine Auslegungssache ist. Obwohl ich Drogen ablehne und mit klarem Verstand da durch musste und nicht nach ein paar Wochen auf irgendeine Therapieoption zurückgreifen konnte, um da wieder wegzukommen. Doch habe ich gelernt, wer ich bin. Ich habe gelernt, anderen Menschen zuzuhören. Ich habe gelernt, alles zu hinterfragen und somit in der Tiefe zu verstehen. Das Wort Warum erklärt letztlich die Welt. Ich habe gelernt, etwas erreichen zu können. Nur für mich, nicht für andere. Ich habe gelernt, dass ich selbst nur ein kleiner Teil eines grossen Ganzen bin und mich nicht allzu wichtig zu nehmen. Gesellschaft funktioniert nur mit allen noch so kleinsten Teilen. Und es ist gut, wenn man das schwächste Teilchen beachtet, versteht und einbezieht. Denn dann wird das grosse Ganze verständnisvoller. Mit mehr Rücksicht auf andere. Selbst wenn man diese Lebensweisen niemals teilen wird. Denn dieser Mikrokosmos Knast ist einfach nur gbündelte Gesellschaft. Draussen, in der grossen Welt, ist es doch auch nicht anders. Nur nimmt man sich draussen selten die Zeit, all diese Dinge für sich zu erkennen. Wenn das überhaupt möglich ist.
    Knast heisst Entschleunigung. Geduld. Demut. Doch letztlich ist es nichts anderes als draussen. Man lernt nur intensiver und konzentrierter genau das, wessen man sich eigentlich doch dort beraubt fühlt. Eigenverantwortung.
    Haft kann man auch als Chance sehen, wenn man nicht dauernd auf sein Recht pocht und sich selbst in den falschen Dingen viel zu wichtig nimmt, sondern versucht die (Ab)Gründe zu verstehen. Man gehört immer zu irgendeinem System. Und das kann nur funktionieren, wenn es Regeln gibt. In jedem System.

    Das hier sollte keine Lobhudelei werden und ich möchte für das Justizsystem ganz sicher auch keine Lanze brechen. Es gibt genug Punkte, die sehr schief laufen. Ich möchte nur aufzeigen, dass es nicht immer so ist wie es auf den ersten Blick scheint, dass es für viele Dinge eine einfache Erklärung gibt. Ebenso, dass es keinen Sinn macht, die kleinsten ausführenden Organe in Form von Bediensteten und ihren Regeln anzugehen, die können am Wenigsten dafür. Ich weiss, dass viele von ihnen ähnliche Kämpfe führen und oft auch auf der Strecke bleiben. Auch von ihnen habe ich genug Geschichten gehört. Tauschen wollte ich mit ihnen nie.
    Schade, dass die Haftzeit dieser Inhaftierten dort nicht reichen wird, um mal genauer hinzuschauen und zu hinterfragen. Diese paar Tage sind leider nicht ausreichend, alles im Ganzen sehen zu können und nicht nur ausschliesslich bei sich zu sein. Das ist sie leider. Ausschliesslich bei sich. Das sieht man an dem, wie sie ihre Situation beschreibt und ist völlig normal, wenn man so kurze Zeit dort verbringt. Schade ist nur, dass sie somit auch Menschen, die das alles nicht kennen, ein falsches Bild vermittelt. Denn in einem hat irgendeine namenlose Kirchenfrau verdammt Recht. Jeder ist für sich verantwortlich und jeder sollte auf seine eigenen Fehler schauen. Das ist weder ein Kleinmachen, noch ein Brechen von Menschen, noch ein soziales oder gesellschaftliches Problem. Wenn sich jeder daran halten würde. Denn eine soziale Gesellschaft besteht aus einzelnen Menschen. Von denen bestenfalls jeder eigenverantwortlich handeln und nicht die Schuld anderen zuschieben sollte, die nicht der selben Meinung sind. Wenn jeder für sich genug in sich vertraut und sich bis ins Kleinste kennt, hat auch niemand ein Problem damit, sich eigene Fehler zu erkennen und einzugestehen. Auch wenn das manchmal weh tun kann. Jeder Einzelne ist für sein Tun höchstselbst verantwortlich. So einfach ist das.
    Menschen die in Haft landen haben nun mal gegen irgendeine Regel verstossen. Sonst wären sie nicht dort. Ob man diese Regel versteht, ist eine andere Sache. Dort gab es auch mal eine Frau, die ihre beiden Kinder getötet hat. Die hat auch nicht verstanden, warum sie bestraft wird. Sie hat es doch nur gut gemeint und wollte nicht, dass ihre Kinder zu ihrem gewalttätigen Vater müssen. Regel ist Regel, ob sie verstanden und akzeptiert wird oder nicht. Man hat immer eine Wahl. Und wenn man sie getroffen hat, muss man eben auch die Resultate seiner Wahl aushalten können. Kann man das nicht, sollte man seine Entscheidungsfreude vielleicht noch mal überdenken und beim nächsten Mal anders handeln. Nur entscheidet man all das für sich selber. Und denkt im besten Fall vorher nach, wohin das führen kann. Niemand von aussen kann einem aufzwingen anders zu handeln als man es möchte. Das ist die eigene innere Welt, die all das entscheidet. Eine Wahl gibt es immer. Man muss halt wirklich nur mit den Konsequenzen leben und sie für sich vertreten können. Jedes einzelne Menschenkind für sich, in jeder einzelnen Situation wieder.

    Alles Gute für die Inhaftierte.

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