Warum Knast nicht „nur“ eingesperrt sein ist – Bericht von Ibi

Hier ein Bericht der derzeit Inhaftierten Anti-Atom-Aktivistin Ibi, eine Momentaufnahme aus der Quarantäne-JVA-Abteilung in Schleswig:

Es gibt immer mal wieder Journalist*innen, die darüber schreiben wollen wie es ist im Knast zu sein und sich eine Nacht oder einen Tag einsperren lassen, um berichten zu können. Diese Berichte sind oft merkwürdig inhaltsleer, was daran liegt, dass sie eben einen relevanten Teil der Knast-Erfahrungen nicht machen, sondern eben nur eingesperrt werden, und den Rest vom Knast-Alltag nicht mitbekommen. Ich will mit diesem persönlichen Text versuchen, mich einigen dieser anderen, selbst gemachten Erfahrungen zu nähren, soweit ich das nach 6 Tagen Knast kann, damit ihr eine Vorstellung bekommt. Vorwarnung: Einfach oder schön ist das nicht.

Einen Tag nach meiner Ankunft, draußen beim Hofgang, Gespräch mit einer anderen Gefangenen und den beiden Schließern, die uns am Wochenende bewachten. Irgendwie kamen wir auf Grundrechte (ich hörte vor allem zu) und welche nun für uns gelten und welche nicht. Viele sind es nicht, die ich noch habe: keine Unverletzlichkeit der Wohnung, keine Demonstrations- und Vereinigungsfreiheit, eingeschränkte Meinungsfreiheit, eingeschränktes Briefgeheimnis und als der Wärter ernsthaft über Freizügigkeit diskutieren wollte hat sich das mehr nach Schlag in die Fresse angefühlt. Als ob ich nicht wüsste, dass hier an Bewegungsfreiheit nichts ist, als ob es möglich wäre zu vergessen, wo ich bin und dass ich über kaum eine Bewegung selbst entscheide.

Übers Recht zu telefonieren haben wir auch diskutiert, weil der Wärter beweisen wollte, dass es nur eine Großzügigkeit wäre (und sie ja achso großzügig seien) uns telefonieren zu lassen, brachte er uns den extra markierten Gesetzestext jeweils in unsere Zellen. War für mich das Gefühl von Nachtreten aus einer Machtposition heraus (und ob die Rechtsprechung nicht praktisch muss sagt, bin ich auch nicht sicher). Was bei unserer Grundgesetz-Diskussion (eher Monolog von Schließern) auch zur Sprache kam war die Würde des Menschen. Da waren sie sofort sicher: Natürlich gilt das auch hier weiterhin für uns. Ich musste denken ans Abtatschen, an all meine Erfahrungen auf Polizeistationen, die wenig mit Würde zu tun haben und an das Poster im Besucherraum der JVA Lübeck vom Tag zuvor, wo ein Mädchen bei verschiedenen Durchsuchungsschritten (inklusive Abtatschen von hinten durch Wachtel an der Brust) abgebildet war, unter der Überschrift „Mein Besuch im Knast“. Ein Ausdruck davon, wie viel Demütigung von denen als vollkommen normal wahrgenommen wird.

Hier passiert so viel, was oft einfach achtlos ist, aber doch irgendwie Würde nehmen soll. Es fängt damit an, dass du nichts weißt, und du nach allem fragen musst und eben nicht dafür gesorgt ist, dass selbstverständliche Dinge zur Verfügung stehen: Von Wasser über Toilettenpapier, was zu schreiben, ner frischen Maske bis hin zur Unterwäsche – alles muss erfragt werden. Nach 2 Tagen hab ich mich dann mal getraut, die beiden Wärter nach ner frischen Unterhose und Socken zu fragen. Meine Sachen waren mir abgenommen worden beim Eingang (Anfangsdurchsuchung) und ich hatte nur das an Anstaltskleidung (plus nen schlecht passenden Schlafanzug) bekommen, was ich trug. Ernsthaft Würde? Als Frau zwei Männer fragen zu müssen, ob ne frische Unterhose drin ist? Überhaupt sowas fragen zu müssen. Und noch mit Versuch, mich auf den nächsten Tag zu vertrösten, auch wenn es dann doch direkt geklappt hat. Soll ich dafür dann dankbar sein?

An meinem vierten Tag fragte ich dann, wie das mit Duschen sei. Antwort: Das ginge nicht in Quarantäne (die hier 14 Tage dauert). Mittlerweile habe ich also einen Antrag an die Anstalt und dann vermutlich ein Verfahren vorm Gericht laufen, über die Frage, ob ich zweimal in der Woche duschen darf. Bis dahin: Keine Dusche, sondern viel Spaß mit Waschbecken. Es ist nicht so sehr der Fakt nicht duschen zu können, als der Fakt, dass es mir wer ernsthaft verbietet, der dann doch was macht. Wieder die Frage: Würde?

Ich löse das für mich so, dass die mir meine Würde nicht nehmen können, weil das nichts ist, was von außen zu nehmen oder geben wäre, sondern allein, dass ich bleibe, wer ich bin. Das kommt von innen und ist meine Entscheidung. Das kann demütigender Kleinscheiß nicht ändern und mir auch nicht nehmen.

Und trotzdem: Obwohl ich weiß, dass es mir eigentlich egal ist, ich will wach sein und stehen, wenn die reinkommen. Die Anweisung ist auch, die Maske aufzuhaben, wenn sie reinkommen. Nicht so einfach wie es klingt, denn es gibt praktisch keine Vorwarnung. Vielleicht Schritte auf dem Gang, bei denen du aber nie weißt, ob du gemeint bist oder doch wer anders. Und dann nur das Drehen vom Schlüssel im Schloss. Und dann sind sie direkt drin in der Zelle, egal was du gerade tust. Ich schaffe es immer, zu stehen (und die Maske aufzuhaben) in den wenigen Sekunden, die der Schlüssel dreht und die Tür aufgeht. Ich brauche das für meine Kontrolle über eine unkontrollierbare Situation, denn ich weiß nie, was dann ist und kann nur oft, aber nicht immer, vermuten, was sie wollen. Was das aber auch heißt: Ich bin permanent angespannt und auf dem Sprung, ständig in Alarmbereitschaft. Zur Ruhe komme ich erst abends, wenn sie um ca. 17 Uhr das Abendessen bringen und dann die Tür zufällt. Das Abschließen ist dann mehr Erleichterung als irgendwas anderes. Endlich. 12 Stunden wo nicht ständig wer reinkommen kann, Zeit für mich, fürs Waschen, für Privatsphäre, Ruhe. Ich bin also erleichtert, wenn ich Nachts eingesperrt werde. Das Gefühl können glaub ich viele Gefangene verstehen – aber vermutlich nicht eine*r der Journalist*innen, die sich haben einsperren lassen. Denn diese Unsicherheit, Unwissenheit und Unkontrollierbarkeit macht Knast wesentlich aus. Gerade weiß ich nicht mal, wann ich meine Stunde Hofgang habe, weil das täglich wechselt. Und ich bin wenn es soweit ist trotzdem immer schnell draußen. Die Aushändigung der Corona-Regeln für den Justizvollzug hab ich vor Tagen beantragt, aber bisher nicht bekommen – die geltenden Regeln sind für uns Eingesperrte also nicht transparent. Und das ist normal. Das sind halt alles so Sachen, die auch einfach anders gingen (selbst mit dem herrschenden Knastsystem): Regeln aushändigen, vorm Eintreten klopfen und 10 Sekunden warten, Dinge für Grundbedürfnisse zur Verfügung stellen.

Aber es passiert nicht, weil es halt hinreichend egal ist, wie es den Eingesperrten geht, so lange das mit der Verwaltung einfacher ist. Und mir geht es noch verhältnismäßig gut. Menschen, die nicht wissen, welche Regeln für sie gelten, können sich schlechter wehren und auf die können die Schließer*innen einfacher großzügig wirken.

Dann ist da noch diese ganze Freundlichkeit, dieses „Guten Morgen“, „Gute Nacht“, beim Einschließen oder „Guten Appetit“ beim immer furchtbar schlechten Mittagessen. Schlimm finde ich diese Fragen nach: „Wie geht’s Ihnen?“ oder „Wie haben Sie geschlafen?“ – weil das will ich doch nicht den Schließer* innen sagen, die mich einsperren (und damit verantwortlich sind, wenn die Antwort „scheiße“ wäre). Fast noch schlimmer: Sie wissen, was sie tun. Auf keine Antwort auf die wie-geschlafen-Frage (geb ich aus Prinzip nie) kam von denen mal zueinander: Ah ja – 2. Nacht. Also wissen sie, dass es nicht gut ist. Die Anstaltsleiterin startete ihr Gespräch, um mir zu erklären, dass sie meine Verteidigung nicht mehr mich besuchen lässt mit der Frage: „Wie geht’s Ihnen?“ (Ja mies natürlich, wenn Wachteln mir gegenüber behaupten, die Person wäre nie meine Verteidigung gewesen, aber was soll die blöde Frage, sie ist es doch, die einsperrt und einsperren lässt). Ich finde immer noch schade, dass ich für eine schlagfertige Antwort einfach wirklich zu schlecht drauf war. Heute ging’s besser, „Sonst alles gut?“ konnte ich beantworten mit „Besser, wenn Sie niemand einsperren würden“. Reaktion „Dazu kann ich jetzt nichts zu sagen.“ Die ganzen, wenn auch ehrlich gemeinten Fragen, von denen die uns einsperren, nerven mich wirklich. Ein „bitte“ macht einen Befehl, bei dem ich nicht viel Wahl habe, immer noch zu einem Befehl, aber übertüncht das existierende Gewaltverhältnis, dessen ich mir immer bewusst bin. Und ich hasse die Erniedrigung, „gehorchen zu müssen, wenn der Puls in den Schläfen schreit“ (ist aus irgendeinem Song, aber ich weiß nicht mehr welcher.) Aber vielleicht war ich unbewusst unhöflich genug, zu wenig Reaktionen von mir, „bitte“ von denen ist gefühlt jedenfalls weniger geworden, was ich angenehmer und ehrlicher finde.

Willkürlich bleibt es trotzdem. An einem Tag kann ich morgens beim Einzelhofgang mit den in der Schule Pause habenden Jungs ein ganz normales Gespräch führen (mein einziges reales, nicht telefonisches am Tag, weil Schließer*innen keine Gesprächspartner*innen sind), am nächsten Tag müssen sie das Fenster schließen, weil sie mir was zugerufen haben (für mich ok, sollen sie doch, sind schließlich genauso eingesperrt wie ich und ich red lieber mit denen, als mit denen, die uns einsperren)

Und natürlich je mehr ich mitbekomme von anderen, desto mehr stinkt das himmelschreiende Unrecht und soziale Elend zum Himmel. Es sind die Strafen, nicht die Verbrechen, die eine Gesellschaft verrohen. Niemand hilft das eingesperrt sein, es vergrößert nur die sowieso schon gravierenden Probleme, die Menschen hier haben. Meine sind dagegen ganz winzig.

Ich schließe mal mit einem aus tiefstem Herzen kommenden: Knast ist kacke!“

Der Gesetzestext, von dem Ibi schreibt, ist der unten stehende §46 aus dem Landesvollzugsgesetz Schleswig Holstein:

§ 46 Telefongespräche
(1) Den Gefangenen
kann gestattet werden, Telefongespräche zu führen. Die Bestimmungen über den Besuch gelten entsprechend. Eine beabsichtigte Überwachung teilt die Anstalt den Gefangenen rechtzeitig vor Beginn des Telefongesprächs und den Gesprächspartnern der Gefangenen unmittelbar nach Herstellen der Verbindung mit.
(2)
Die Kosten der Telefongespräche tragen die Gefangenen. Sind sie dazu nicht in der Lage, kann die Anstalt die Kosten in begründeten Fällen in angemessenem Umfang übernehmen.

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1 Antwort zu Warum Knast nicht „nur“ eingesperrt sein ist – Bericht von Ibi

  1. Ulla sagt:

    Das geht an die Nieren, macht betroffen und wütend.

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