Vom repressiven Telefon, oder wenn der Knast Chaos macht – Brief von Ibi vom 5.5.21

Hier ein weiterer Brief von Ibi über die Absurditäten des Knastalltages:

Als ich hier ankam, wurde mir direkt ein Einkaufszettel ausgehändigt (so eine relativ lange Liste, mit der Dinge gekauft werden können, z.B. Tabak oder Schokolade). Wunschgemäß gab ich die dann Sonntag ab, in Vorfreude auf Schokolade und Kekse, und wartete. Weil ich weiß, dass sowas im Knast auch schon mal länger dauert, fragte ich dann eine Woche später mal nach. Die inzwischen ausgewechselten Schließer*Innen wussten von nichts und versprachen, sich zu erkundigen. Haben sie tatsächlich getan – mir erklärte dann eine Schließerin, dass das daran liegen würde, dass mein Geld (was ich dabei hatte) in Lübeck gebucht worden sei, und sie das nicht rechtzeitig umgebucht hätten. Haken an der Sache: Die, die mir das erklärte, war genau die Person, die, bei meiner Ankunft, mir das Geld abgenommen, gezählt und eingezahlt hatte – in Schleswig. Als ich sie darauf hinwies, gab es dann keine Reaktion oder Erklärung mehr. Irgendwie haben die es wohl vermasselt. Resultat: Keine Schokolade für mich (gut, dass ich nicht nikotinabhängig bin). Trösten sollte mich dann, dass kein Geld abgebucht worden sei. Ich wollte aber kein Geld, sondern Schokolade. Naja, es gibt wirklich schlimmeres als keine Schokolade, also schlucke ich es runter und nehm deren Unfähigkeit mit Humor.

Aber Unfähigkeit ist durchaus steigerbar, lernte ich gestern noch am gleichen Tag, an dem ich vom missglückten Einkauf erfuhr. Plötzlich funktionierte mein Telefon nicht mehr und sagte immer nur noch „Kontonummer oder PIN falsch“ (Vor jedem Telefonat muss ich die Telio-Kontonummer [Telio = Monopolunternehmer für Ausbeutung von Gefangenen durch Telefonkosten] und PIN eingeben, bisher hatte das auch ganz gut geklappt seit Einrichtung am ersten Montag). Nach Warten und nochmal probieren fasste ich dann Mut und klingelte (wenn Gefangene was will, gibt es einen Klingelknopf in der Zelle, somit kommen die Schließer*Innen nur zum Essen und für Hofgang. Wieder: Sie müssen sich erstmal erkundigen. Zwei Stunden später die Auflösung: Bei der Verlegung einer anderen Person nach Lübeck hätte sich die Mitarbeiterin in der Zeile verklickt und mein Telio-Konto nach Lübeck übertragen. Die sei jetzt aber schon im Feierabend, ich müsse bis morgen warten, aber so etwas sei ihnen bisher nicht passiert, entschuldigt sich der Schließer. Resultat: die sind unfähig, ich darf nicht telefonieren. Allein lache ich dann über deren grandiose Unorganisiertheit und verbringe den Abend mit meiner großen Menge Post und deren Beantwortung und dem Fernseher, immer noch ganz guter Laune.

Am nächsten Morgen probiere ich gleich kurz nach 7, ob es wieder geht (die Betriebszeiten des repressiven Telefons sind zwischen 7 und 23 Uhr, danach informiert es per Ansage, dass außerhalb der Betriebszeiten nicht telefoniert werden darf). Neue Ansage nach Eingabe der Kontodaten: „Sie dürfen von diesem Telefon nicht telefonieren“. Also beim Frühstück wieder Nachfragen. Es fehlte wohl die Haftraum-Freischaltung (Haftraum heißt die Zelle bei denen). Eine verpasste Telefonverabredung später geht es dann wieder – für einige Stunden. Ab 15:50 hörte ich dann wieder die Ansage „ Sie dürfen von diesem Telefon nicht telefonieren“ – das repressive Telefon will ich am liebsten an die Wand schmeißen. Also wieder: Beruhigen, Klingeln, Versprechen sich zu kümmern. Als es Abendbrot gibt, ist mir mal wieder klar: Heute wird das nichts mehr. Das Telefon auf der Zelle soll eigentlich die Isolationshaft abmildern – tut es auch – wenn es funktioniert. Heute fehlt mir auch eine halbe Stunde Hofgang, den sie heute einfach halbiert hatten – das war zu kurz, auch bei Regen. Mal sehen, was das Telefon morgen macht – bis dahin versuch ich‘s mal wieder mit: Humor ist, wenn mensch trotzdem lacht!

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